Tränen im Mittelmeer

Leserbrief Neue Zugerzeitung: 22. April 2015

Tausende Menschen sind in den letzten Monaten im Mittelmeer ertrunken. Die Politiker vergiessen Tränen der Betroffenheit – und übermorgen sind die Flüchtlinge bereits wieder vergessen, bis zum nächsten Bootsdrama.

Gemäss Berichten warten in Nordafrika und der Türkei rund eine Million Menschen auf eine Überfahrt in Richtung Europa. Eine riesige Herausforderung für Europa. Was ist zu tun? Es braucht eine Politik in vier Schritten:

Erstens müssen die europäischen Staaten, welche über die entsprechenden Mittel verfügen, alles unternehmen, um Schiffbrüchige vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten. Das gebietet die Humanität. Dann müssen die Geretteten fair in Europa verteilt werden. Es kann nicht sein, dass die Anrainerstaaten, allen voran Italien, die Last alleine tragen.

Zweitens muss die humanitäre Hilfe in den Nachbarstaaten Syriens – also in Jordanien, im Libanon und in der Türkei – massiv verstärkt werden. Wenn Kriegsvertriebene in unmittelbarer Nähe zu ihrer Heimat menschenwürdig untergebracht werden, sinkt die Bereitschaft, jedes Risiko für das Überleben auf sich zu nehmen. In diesem Bereich ist auch die Schweiz gefordert.

Drittens muss Europa sich eingestehen, dass es ein „Einwanderungskontinent“ ist. So wie es im 18. und 19. Jahrhundert ein „Auswanderungskontinent“ war. Damals emigrierten Millionen von Menschen aus Armut nach Nord- und Südamerika, unterstützt von unseren Behörden und Schleppern in den damaligen Auswanderungsbüros. Europa exportierte damals die Armut, so wie heute Menschen aus Armut hierher kommen wollen. Europa braucht eine kohärente Einwanderungspolitik.

Viertens braucht es eine Stabilisierung der Länder Afrikas und des Nahen Ostens. Das heisst mehr und wirksame Entwicklungshilfe, Bekämpfung der Armut und der Korruption, Förderung von Investitionen, Schaffung von Arbeitsplätzen, Abbau von Handelshemmnissen für Produkte aus diesen Ländern, die Strafverfolgung von Schlepperorganisationen, die Unterstützung für demokratische Strukturen. Ohne diese langfristigen Massnahmen ist die weltweite Migration nicht zu stoppen.

Die Aussicht auf einen kleinen Wohlstand, eine Perspektive für die eigenen Nachkommen und die Demokratisierung der Gesellschaften und Staaten – das sind langfristig die wirksamen Massnahmen. Aldas kostet Zeit und Geld. Aber es lohnt sich, für uns wie für die Menschen in Not.

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